Deutschlands erster Diabetiker, der 1922 mit Insulin behandelt wurde, lebte auch in Schleswig.
 

(Freundlicher Hinweis von Herrn Dr. Carsten Petersen in Schleswig)

Aus:
Mein Leben dank Insulin
von Erik Wilhelm Momsen
Verlag Kirchheim, Mainz 1990

Klammheimlich kam der Diabetes

...
In den Jahren 1915 bis 1920 war ich nicht nur ein guter Schüler auf dem Gymnasium, sondern galt auch als einsatzfreudiger Spieler der Schulmannschaften in Fuß-, Faust- und Schlagball.
Wenn nur immer möglich, spielten wir täglich mit großer Begeisterung.
Irgendwann jedoch - etwa Ende 1919 / Anfang 1920 - spürte ich, daß ich nicht mehr so leistungsfähig war wie bisher.
Ich kam nicht mehr ganz so schnell an den Ball wie früher, verpaßte im Fußball des öfteren Vorlagen meiner Kameraden die mich daraufhin hänselten.
Kaum war die Halbzeit eines Spieles gekommen, hatte ich mehr Durst als sonst und rannte zum Wasserhahn' um reichlich vom kühlen Naß in mich hineinzuschütten.
Schon in der letzten Husumer Zeit von 1919 bis ins Frühjahr 1921 war langsam stärker werdender Durst spürbar geworden und der Husumer Pensionsmutter aufgefallen.
Sie riet mir deshalb, mit den Eltern zu sprechen und einen Arzt aufzusuchen.
1917 hatte mich unser Bredstedter Hausarzt Dr. med. Thaissen untersucht.
Die Untersuchung war jedoch ohne Befund geblieben.
Ob bei dieser Untersuchung der Harn überhaupt auf Zucker geprüft wurde, ist mir nicht mehr erinnerlich.
Ich halte es aber für wenig wahrscheinlich - wer hielt damals eine Zuckerkrankheit bei einem Jungen überhaupt für möglich?
Von dem Durstgefühl erzählte ich meinen Eltern lange Zeit hindurch nichts - auch nichts vom Rat der Pensionsmutter.
Ich genierte mich.
Im Frühjahr 1921 übersiedelte meine Familie dann nach Schleswig.
Zunächst ging es mir dort leidlich.
Auch sportlich konnte ich in den Schulmannschaften lange Monate hindurch noch gut mithalten.
Aber langsam ging es dann mit mir gesundheitlich bergab.
Der Durst verstärkte sich und fiel der besorgten Mutter auf.
Mit dem Vater wurde daraufhin ein Besuch beim Arzt beschlossen.
Meine Mutter ging mit mir in die Praxis zu Dr. Berger in Schleswig.
Ich war mittlerweile ein abgemagertes Kerlchen geworden, wie der Doktor feststellte: 153 cm groß und nur noch 40 kg schwer.
Meine Mutter berichtete dem Arzt, daß ich in letzter Zeit so sehr an Durst litte und ständig schwächer würde, im Sport nicht mehr so gut wie - früher sei - ja, insgesamt schwächlich wirke.
Der Arzt untersuchte - sofort den Harn und fand reichlich Zucker.
Er stellte erstmalig die Diagnose: "Diabetes".
...
Im Frühjahr 1922 erfuhr meine Mutter zufällig von meinem Onkel aus Kopenhagen, daß dort neue Therapieversuche mit Diabetikern im Gange seien.
Meine Mutter hat sich umgehend erkundigt und erfahren, daß das Kommune-Hospital in Kopenhagen gerade eine Versuchsgruppe von 16 Diabetikern zusammenstellte, die mit einem neuen Heilmittel versorgt werden sollte.
Unter Leitung von Prof. Dr. Bing gehörte ich damals zu der ersten Diabetiker-Generation, die das sog. "Diasulin" gespritzt bekam.
Es war dies ein blutzuckersenkender Stoff, den der Besitzer der Löwenapotheke in Kopenhagen, selbst Diabetiker, unter Benutzung der damaligen revolutionären Idee von Banting und Best herstellte.
Das Diasulin wurde verkauft in Form von grauen Tabletten, deren Einheitengehalt mir leider nicht mehr erinnerlich ist.
...
Durch die ambulante Weiterbehandlung mit Überwachung durch die Ärzte unter Prof. Dr. Bing im Kommune-Hospital gelang es allmählich, die Zahl der Spritzen auf drei pro Tag zurückzunehmen.
Mir ging es nach meinen Begriffen prächtig.
An Gewicht hatte ich zugenommen und war in guter körperlicher Verfassung.
Also wagte man mich Anfang 1924 nach Schleswig zu entlassen.
Das Diasulin bekam ich weiter aus Kopenhagen.
Zumindest einen Teil meiner früheren Leistungsfähigkeit hatte ich wiedergewonnen, war auch sportlich wieder aktiv, aber ich hatte fast zwei Jahre meiner Schulzeit eingebüßt und war nun stark in zeitlichem Verzug. Zu Hause in Schleswig fing ich deshalb sofort an, intensiv für die Schule nachzuholen.
Dafür gab ich, ebenso später in Rostock, u.a. Privatstunden an jüngere Schüler, um insbesondere in Sprachen meine Grammatik-Kenntnisse aufzufrischen und zu verbessern.
Bis zum Umzug meiner Eltern im Spätherbst 1924 nach Rostock nahm ich weiter am Unterricht meiner alten Klasse teil.
Von meinen verständnisvollen Mitschülern und ebenso von den Lehrern erfuhr ich viel Hilfe.
So wurde es - trotz der verlorenen zwei Jahre in Kopenhagen - möglich, nur ein halbes Jahr später als meine früheren Klassenkameraden, jedoch in Rostock, das Abiturienten-Examen abzulegen, und zwar mit einem guten Ergebnis. ...

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